Personalisierung + Wut - ein Gedicht

Submitted by phaenomen on Sat, 10/24/2020 - 15:25

Hi,

ich habe ein neues Gedicht geschrieben. Mache ich jetzt manchmal. Bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob ich dafür begabt bin. Wobei ich es irgendwie mag, mich so kurz fassen zu müssen und irgendwas mit Rhythmus. Vielleicht muss ich aber auch Versmaße oder Ähnliches nochmal studieren, ich freue mich also wie immer über Tips, Tricks und Rückmeldungen. Here you are:

Personalisierung + Wut [24 Oct 2020]

Manchmal, nein, öfter frag’ ich mich,
warum die Menschen selbst in den linkesten Ecken und Häusern,
so misstrauisch und ängstlich geworden sind:

warum es so schwer fällt, zu kooperieren,
wenn es nicht um Geld geht oder Einfluss und Macht,
sondern um Achtung vor dem Leben, die mit jeder Krise weiter verrinnt.

Klar, gibt es die national-konservativ Gesinnten,
im Volksjargon gern “Nazis” genannt,
und diese verbreiten vorzüglich und überall:
immer mehr Angst und Schrecken;
doch selbst wenn Facebook diese Haltung algorhythmisch puscht[1] und darüber -
effektiv immer mehr liberal-progressive Alternativen, kurze “linke Debatten und Visionen” deletet[2],
macht’s keinen Sinn, wenn sich die schlechte deutsche Geschichte global repeatet,
und auch nicht, diffus auszurasten oder sich zu Haus zu verstecken.

Denn unsere Heimat ist politisch und real bedroht,
von wegen Klimawandel und so weiter und so fort,
gelingt es uns nicht mehr, einander zu vertrauen,
sind wir bald alle tot[3] - doch was hat uns eigentlich alle so verroht?

Was treibt die Ängste voreinander ins schier Unendliche,
vor allem die vor dem andern’ Geschlecht?
ist’s die jahrzehntelange Werbung, die mediale Dauermanipulation
zu Selbstoptimierung statt erfahrener Selbstwirksamkeit in echt?

Aber warum wird es gerade jetzt immer schlimmer?
Wie genau verstärken sich die klassischen Grundformen der Angst durch’s Netz?
Warum werden wir emotional immer dümmer?

Selbsthingabe und Selbstwerdung, Wandlung und Notwendigkeit,
beschreiben die fundamentalen Bewegungen des Menschen, so komplex wie das Sonnensystem[4],
was aber passiert genau mit diesem ständigen fragilen Balanceakt,
wenn die Grenzen des Menschen durch personalisierte Medien ständig neu zur Debatte stehn?
Was passiert, wenn wir in den medialen Tunneln, oft “Echokammern” genannt,
immer mehr finden, was wir schon kennen und mögen - in den verschiedenen Lebensbereichen,
wir werden Expert_innen, wir fühlen uns zugehörig[5],
doch kann das die Grenzen unseres Ichs auch erweichen?

Denn wenn das Andere fehlt, das Unbekannte, der Überblick, was andere sehen und wissen,
dann ist und bleibt unklar, wo ich bin und wo der andere - und was man überhaupt bewirken kann,
und der einzige Weg, Grenzen zu spür’n und zu setzen, scheint, andere Leute zu dissen.

Ist das jetzt Absicht der Plattformen, die Seele des Menschen so zu verletzen,
ist diese phänomenologische These überhaupt wahr, wer kann das wissen?[6]
Klar ist, viel zu viele gute, kluge, tolle Menschen handeln scheisse, denn sie sind so zerrissen,
Klar ist auch: Wissen ist Macht und vielleicht lassen sich damit konstruktiv’re Grenzen setzen.

References

[1]Detaillierte Info und Links zu Empfehlungsalgorhythmen auf Facebook siehe Krueger, Julia (2017): Warum der Kampf gegen Hatespeech und Fakenews auf Facebook irreführend ist und welche Alternativen sich bieten (Blogpost netzpolitik.org) unter: https://netzpolitik.org/2017/warum-der-kampf-gegen-hatespeech-und-fakenews-auf-facebook-irrefuehrend-ist-und-welche-alternativen-sich-bieten/ (accessed 24 Oct 2020).

[2]Siehe: Stanley, Alice (2020): With Zuck's Blessing, Facebook Quietly Stymied Traffic to Left-Leaning News Outlets: Report (Blogpost Gizmodo), unter: https://gizmodo.com/with-zucks-blessing-facebook-quietly-stymied-traffic-t-1845403484 (accessed 24 Oct 2020).

[3]Vorschläge, politische und wirtschaftlich dem Klimawandel zu begegnen, finden sich seitens der Autorin unter dem Stichwort “Smart Democratic Governance” hier als Gesamtkonzept oder hier als illustrative Kurzgeschichte. Die als kooperatives Gemeinschaftsprojekt angelegte Entwicklung einer transparenten und offenen SaaS-Lösung basiert zentral auf Kooperation, Achtsamkeit und Gegenseitigkeit in der zwischenmenschlichen Interaktion, durch KI gestützt.

[4]Für das Grundkonzept von Angst siehe: Riemann, Fritz (1961): Grundformen der Angst, Ernst Reinhard Verlag: München, siehe auch: https://www.academia.edu/26702516/Grundformen_der_Angst (accessed 24 Oct 2020).

[5]Schweiger, Wolfgang (2017): Der (des)informierte Bürger im Netz Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern, Springer Verlag: Wiesbaden.

[6]Wissenschaftstheoretisch schliesst die Perspektive an an: Berger, Peter L./ Luckmann, Thomas (1969/1987): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Mit einer Einleitung zur deutschen Ausgabe von Helmuth Plessner. Übersetzt von Monika Plessner. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, für das englisch-sprachige Original siehe auch: http://perflensburg.se/Berger%20social-construction-of-reality.pdf (accessed 24 Oct 2020). Was die Zerstörung der Lebenswelt durch eine menschliche Bedürfnisse ignorierende Technikentwicklung angeht, bezieht sich die These auf die alte Debatte zu den “sozialen Kosten der Digitalisierung”, aufgearbeitet und zusammen gefasst in Krueger, Julia (2016): Das digitale Phänomen – 30 Jahre Netzpolitik im Spiegel der Sozialforschung, unter: https://juliakrueger.org/wp-content/uploads/2016/05/das-digitale-phaenomen_30_jahre_netzpolitik_im_spiegel_der_sozialforschung_final.pdf (accessed 24 Oct 2020).

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